Kalle Aldis Laar zeigt seine seit 10 Jahren fortlaufende Recherche «Dancing Soldiers» erstmals in einer Ausstellung in München. Während des Ersten Weltkriegs fand an Weihnachten 1914 an der Westfront in Flandern ein bemerkenswertes Ereignis statt. Deutsche und britische Soldaten standen sich eingegraben in Schützengräben gegenüber, nur durch ein etwa 100 Meter breites Niemandsland von einander getrennt. Am 24. Dezember beschlossen zahlreiche Soldaten auf beiden Seiten, das Kämpfen einzustellen. Man bestattete die Gefallenen, feierte gemeinsam Weihnachten, tauschte Geschenke aus der Heimat aus, sang und tanzte zusammen, spielte sogar Fußball. Die Ausstellung widmet sich einer Auszeit in dem unvorstellbaren Schrecken eines Stellungskrieges. Sie widmet sich der Selbstermächtigung von Menschen gegenüber einer militärischen Befehlsstruktur und nationalen Verpflichtungen.«Human nature being what it is, feeling built up overnight and so both sides got up from their front line trenches to meet halfway in no man's land.» Albert Felstead (1)«Unsere Leute zündeten einen mitgebrachten Christbaum an, stellten ihn auf den Wall und läuteten mit Glocken. Alles bewegte sich frei aus den Gräben, und es wäre nicht einem in den Sinn gekommen zu schießen.» Joseph Wenzel (2)
In Deutschland ist dieser «Weihnachtsfrieden» kaum bekannt, in England dagegen ist der «Christmas Truce» ein stehender Begriff. Die Presse des British Empire hatte zur Jahreswende 1914/1915 Augenzeugenberichte veröffentlicht. So wurde das Ereignis Teil der Populärkultur.
Die Installation präsentiert unter anderem eine Zusammenstellung historischer Fotografien, reproduzierter Artefakte und Materialien aus dem 1. Weltkrieg, die britische, russische und deutsche Soldaten zeigen, wie sie Weihnachten 1914 spontan und ohne Absprache mit ihren Befehlshabern einen temporären Frieden schließen und miteinander tanzen, zwischen den Schützengräben, in voller Montur, in ihrem militärischen Umfeld.
Laar schreibt dazu: «Die Bilder wirken unmittelbar, zunächst befremdend, vielleicht sogar belustigend, berühren aber eine zutiefst humane Seite. Nicht die Uniform verbindet die Protagonisten, sondern der ungekünstelte Ausdruck des Augenblicks und kurzen Freiseins, ohne Triumphgebaren, der Machismo zeigt eine fragile Seite. Durch die Verwendung alter Diaprojektoren und Diabetrachter, Stereoskope, Episkope und sonstiger antiker Bildwiedergabegeräte möchte ich diese Zerbrechlichkeit betonen. Es geht mir um einen bleibenden Ausdruck stiller Hoffnung in kriegerischen Zeiten!»
(1)zitiert aus einem Artikel von Andrew Stuttaford: First World War, Bertie Felstead, National Review online, August 6, 2001
(2)zitiert aus: Deutschlandradio / Deutschlandfunk, Frank Kempe, 24.12.2014
Kurzbiografie
Kalle Aldis Laar (*1955) ist Klangkünstler, Komponist, Hörspielautor und DJ. Als Gründer des Temporären Klangmuseums hat er ein umfassendes Archiv an Vinyl-Dokumenten zur Zeitgeschichte zusammengetragen. www.soundmuseum.com
Ausstellungen, Performances fanden statt u.a. bei Kunst-Biennalen von Venedig, Havanna, Nordic Biennial Of Contemporary Art, Transmediale Berlin, Ars Electronica Linz. Projektentwicklungen u.a. in Eritrea und Marokko.
Hörspiel- und Featureproduktionen entstanden für den Bayerischen Rundfunk, SWR, OE1, Schweizer Rundfunk.
Laar hatte Lehraufträge an der FH München, Sound & Digital interface, Nanjang University Singapur, UdK Berlin, schule für dichtung wien.
Er hält Lectures u.a. zu Klang, Macht und Politik, Geräusch und Kunst, und zur Medien- und Vinylgeschichte und gibt Workshops zu Klang und Wahrnehmung (Jeunesse Wien, Goethe Institute Mexico City, Tokyo, Taschkent, São Paulo, Salvador de Bahia, Cordoba, Argentinien).
Laar arbeitet auch als Musikproduzent, u.a. Ernst Molden (Österr. Musikpreis Amadeus 2024, 2022 und 2017, Preis der Deutschen Schallplattenkritik 2011 und 2014) und Edna Million (2024) und ist Herausgeber für den Trikont Verlag München (Preis der Deutschen Schallplattenkritik 1995, 1997, 2013).
Zudem ist Laar als organisatorischer Leiter der Internationalen Lyrikbiennale «Schamrock-Festival der Dichterinnen» München-Wien und des Filmfestivals «Female Presence» (gemeinsam mit Augusta Laar) tätig.


















































































































































































































































































































































































































































































































































